Die grosse Freiheit ‐ Wieviel Journalismus verträgt YouTube?

11. 06. 2015

Eine Veranstaltung des DJVNRW

Journalistische Formate auf YouTube bieten die Chance, junge Zuschauer für Nachrichten zu begeistern, allerdings müssten diese speziell für das Medium aufbereitet sein und die Community gepflegt werden. In diesem Punkt waren sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde Die große Freiheit Wieviel Journalismus verträgt YouTube? auf dem Medienforum NRW 2015 unter Moderation der Fernsehjournalistin Andrea Hansen einig.

YouTube nicht die Cashcow

Henrik Neumann, Video-Reporter der WELT, beschrieb die Schwierigkeit, auf YouTube neue Themen zu setzen, weil „das Feld schon bestellt“ sei. Der Journalismus sei spät dran, lange hätten die Verlage gedacht, man brauche auf Plattformen wie YouTube nicht präsent sein, da man ja die eigenen Onlineauftritte habe, so Neumann. „Man soll YouTube nicht als Heilsbringer des Journalismus betrachten, aber als Möglichkeit, Leute zu erreichen, die die Nachrichtenangebote der klassischen Medien nicht wahrnehmen.“ Noch sei YouTube aber wirtschaftlich ein Minusgeschäft, das sich nicht alleine trage. Den Verlagen wäre klar, dass YouTube nicht die „Cashcow“ seit. Außerdem müsse man im Hinterkopf behalten, wem man seine Inhalte gebe, schließlich gehöre YouTube zu Google. Neumann stellte zudem die Bedeutung der Interaktion mit den Zuschauern heraus. Seine Erfahrung: „Bei einem eigenen YouTube-Kanal muss ich als Journalist auf Anfragen und Kommentare sofort reagieren, sonst kommen die Nutzer nicht wieder.“ Schließlich sei es in dem Medium wichtig, sowohl authentisch als auch glaubwürdig zu sein.

Viel Freiheit, aber mehr Bescheidenheit

Auch für den Journalisten Rayk Anders, der den Kanal „Armes Deutschland“ betreibt, ist die Interaktion mit dem Nutzer eine besondere Herausforderung. „Im politischen Bereich muss jede Information korrekt sein, sonst hat man viele Detektive am Hals.“ Ihm gäbe YouTube aber die Freiheit, das zu machen, worauf er Lust habe, und neue Formate auszuprobieren. Dennoch plädierte er für Bescheidenheit. Unterhaltende Inhalte auf der Plattform hätten weit mehr Reichweite als journalistische Angebote. Diese würden von Leuten genutzt, die sich mit Politik beschäftigen, aber auch Unterhaltung wollten. Darüber hinaus prognostiziert Anders: Angesichts der Bevölkerungsentwicklung würden es nicht mehr die ganz Jungen sein, die in Zukunft neue Formate entwickelten. „Die Rentner übernehmen“, so Anders.

Einfach machen

Jonas Wixforth, Redakteur und Reporter des WDR-Angebotes „#3sechzich“, vertrat die Auffasung, dass der Feedbackkanal den Journalismus radikal verändere. Auch für ihn sei es von großer Bedeutung, sich mit den Nutzern auszutauschen. „Man muss das Feedback der Community unbedingt ernst nehmen, nur so kann man auf lange Sicht Glaubwürdigkeit erlangen“, so Wixforth. Das sei mit viel Arbeit verbunden, für die Ressourcen geschaffen werden müssten. Mit YouTube könne man Zielgruppen erreichen, die mit klassischem Fernsehen nie etwas zu tun hatten, so der WDR-Redakteur. Auch die journalistischen Formen veränderten sich, so gäbe es Videos, die beispielsweise in Cartoonform den NSA-Skandal erklärten. Man könne aber nicht erwarten, dass mit journalistischen Angeboten massenweise junge Leute angezogen würden. Wichtig sei, Content speziell für das Netz zu erstellen. Seiner Meinung nach hätten die Fernsehsender zu spät angefangen, sich mit Webvideo auseinanderzusetzen. Sein Appell an die Medienunternehmen: „Einfach machen, dann haben auch Produkte aus großen Häusern eine Chance.“

Der Anfang einer großartigen Entwicklung

Michael Frenzel, Head of Communications, Mediakraft, sieht den Anfang einer „großartigen Entwicklung“, in der immer mehr neue Formate entstünden. Für ihn bietet YouTube die Möglichkeit, Themen zu behandeln, die andere journalistische Medien nicht aufgreifen. „Doch muss diese Art von Journalismus ökonomisch auf eine vernünftige Grundlage gestellt werden“, so Frenzel. Auch Mediakraft betreibe mit „Was geht ab!?“ erfolgreich einen Nachrichtenkanal auf YouTube, bei dem man eine große thematische Freiheit habe. Den Kanal machten zwei ausgebildete Journalisten, die allerdings allein durch die Clicks nicht zu finanzieren seien. Die Verlagshäuser müssten Erlösmodelle auch für YouTube schaffen, um mit weniger Mitteln mehr journalistische Angebote zu realisieren. Auch das öffentlich-rechtliche System sollte viel mehr für das Web produzieren, so Frenzel. Im privaten Rundfunk sei YouTube lange Zeit als Bedrohung wahrgenommen worden, da die Werbeerlöse zu Google flossen. Mittlerweile kauften sich die Privaten in die Vermarktungsnetzwerke ein. Auch Frenzel sieht YouTube mit seinen Nutzern älter werde. „Ob junge Leute in Zukunft andere Plattform haben, wird man sehen. Heute hat lineares Fernsehen auf jeden Fall die Jungen an YouTube verloren“, so Frenzel.


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