Die Zukunft des Digitalradio, oder DAB+ vor dem Aus?

10. 06. 2016
Nachbericht

Radio ist schon heute auf vielfältigen digitalen Wegen dort, wo der Hörer es sucht: online, mobil über Apps, über RadioDNS oder SmartRadio oder auch über DAB+. Digitales Radio ist Multichannel. Auf dem Medienforum NRW 2016 wurde am Donnerstag, 9. Juni, die Frage diskutiert, ob vor diesem Hintergrund DAB+ der Übertragungsstandard ist, der das heutige UKW-Radio perspektivisch ablösen soll, und wo der mögliche Mehrwert dieser Technologie für Hörer und Sender liegt. Moderiert wurde das Podium von Jörg Wagner, Medienjournalist beim rbb-Hörfunk.

In einem Impuls für die Diskussionsrunde fasste Dr. Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios, der sich selbst als leidenschaftlicher Vorkämpfer für DAB+ bezeichnete, die Vorzüge des digitalen Übertragungsstandards zusammen. Er gab einen umfassenden Überblick über die aktuelle Verbreitung von DAB+ in anderen europäischen Ländern und weiteren Regionen, die deutlich machte: Viele Länder haben sich hier schon klar entschieden und setzen auf DAB+. Der Zug fahre in Richtung DAB+, und das sei nicht mehr rückholbar, ob Deutschland nun mitmache oder nicht. Zudem betonte er, dass mit DAB+ die bestehende Frequenzknappheit überwunden werde und die entsprechenden Radioangebote kostenfrei für die Nutzer seien. Nachdem sich die Verkaufszahlen für die entsprechenden Empfangsgeräte sehr gut entwickelten, bedürfe es eigentlich nur noch eines: Einer klaren politischen Entscheidung zur Einführung von DAB+.

Dr. Marc Jan Eumann, Staatssekretär für Europa und Medien in der Staatskanzlei NRW, griff dieses Fazit auf und erteilte der Forderung, für die Einführung von DAB+ ein festes Abschaltdatum für die heutige UKW-Verbreitung politisch vorzugeben, eine klare Absage: „Kein politischer Akteur kann es vertreten, ein in vielerlei Hinsicht erfolgreiches System wie die UKW-Verbreitung zu beenden.“ Er verwies darauf, dass die aktuellen Geschäftsmodelle von privaten Radiosendern im Markt insbesondere auf ihrer UKW-Verbreitung gründeten. Sinnvoll hingegen sei DAB+ auf nationalen Multiplexen-Kanälen, auf denen mit Hilfe der digitalen Technik mehrere Programme verbreitet werden können. Eumann betonte grundsätzlich die Bedeutung des öffentlich rechtlichen Rundfunks: „Wenn es ihn nicht gebe, müsste man ihn erfinden.“ Er brachte aber, auch im Hinblick auf die Digitalisierungsdiskussion und der mit der Digitalisierung verbundenen Ausweitung der öffentlich-rechtlichen Angebote, seine Sorge zum Ausdruck, dass eine Beitragsstabilität ab der Gebührenperiode 2021 nicht mehr gegeben sein werde. Dass sei der Grund dafür, dass NRW sich dafür einsetze, dass der Rundfunkbeitrag in der jetzt anstehenden Beitragsperiode stabil bleibe. Zugleich hätten die Länder vereinbart, eine frühzeitige Strukturdebatte anzustoßen und eine länderoffene Arbeitsgruppe zum Thema „Auftrag und Strukturoptimierung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten“ auf politischer Ebene einzurichten, die bereits Ende Juni ihre Arbeit aufnehme.

Jürgen Brautmeier, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, relativierte insbesondere die Einschätzung von Wlli Steul, der eine europaweite Durchsetzung von DAB+ als neuen Übertragungsstandard beschrieben hatte. In dem von Steul als Beispiel angeführten Norwegen sei der der geplante Wechsel zu DAB+ nach wie vor höchst umstritten. Es gebe demgegenüber auch Beispiele für Länder, die sich gegen DAB+ entschieden hätten, wie Schweden oder Finnland. Bisher habe kein europäisches Land – auch nicht das in Digitalisierungsfragen sehr fortschrittliche Großbritannien, wo der Geräteverkauf derzeit stagniere – den Nachweis erbracht, dass die digitale Terrestrik so angenommen werde, dass eine Abschaltung von UKW absehbar realistisch sei. Sinnvoll könne DAB+ für eine bundesweite Verbreitung sein, hier gebe es bereits einen nationalen DAB+-Multiplex auch mit privaten Angeboten. Bei entsprechendem Bedarf sei auch ein zweiter bundesweiter DAB+-Multiplex vorstellbar.

Dr. Ulrich Liebenow, Betriebsdirektor des MDR und Vorsitzender der Produktions- und Technik-Kommission (PTKO) von ARD und ZDF, stimmte Dr. Willi Steul zu, dass es einer klaren politischen Entscheidung zur Einführung von DAB+ bedürfe. Er betonte, dass die ARD sich ihrerseits bereits für die Einführung von DAB+ entschieden habe. Man setze hier auf einen zügigen Netzausbau und habe eine eigene Nutzungsmessung aufgesetzt, um die tatsächliche Nutzung durch die Hörer zu dokumentieren. Es sei klar, dass die Einführung von DAB+ Zeit bedürfe. Aus diesem Grunde sprach auch er sich gegen ein festes UKW-Abschaltdatum aus und setzte stattdessen auf ein fortlaufendes Migrationsszenario bei der Ablösung von UKW durch DAB+.

WDR-Hörfunkdirektorin Valerie Weber betonte, dass man die Debatte seitens der ARD-Anstalten auch mit Blick auf den Programmauftrag zu führen habe, und die qualitativ beste Versorgung der Nutzer in inhaltlicher und technischer Qualität sicherstellen wolle. In diesem Verständnis werde man mit der Entscheidung für DAB+ insbesondere auch dem eigenen Qualitätsanspruch gerecht, . Außerdem könnten die Hörer über DAB+ von einer größeren Angebotsvielfalt im Radio profitieren. Weber warnte davor, mit einer reinen Internetstrategie im Übertragungsbereich die Hörer und auch die TV-Zuschauer ausschließlich „in die Hände der Provider zu geben“, zeigte jedoch Verständnis für die Zurückhaltung der Privaten. Hier müssten entsprechende finanzielle Anreize für Sie geschaffen werden, um Ihnen den Umstieg zu erleichtern.

Dem widersprach Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste im Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) und Geschäftsführer von Radio Regenbogen: „Auf einen digitalen Ablasshandel werden sich die Privaten nicht einlassen.“ Für die Privatradios sei einzig die Frage des Nutzungsverhaltens der Hörer entscheidend, und diese würden Radio schon heute digital insbesondere auch im Internet und mobil über ihre Smartphones nutzen. Bei DAB+ vermisse er zudem die Rückkanalfähigkeit – es lasse anders als andere digitale Verbreitungswege keine direkte Interaktion mit den Hörern zu. Ihm komme die aktuelle Debatte deshalb wie ein „digitales vatikanisches Konzil“ vor – es gehe ausschließlich um Glaubensfragen, man habe darüber den Hörer und seine Bedürfnisse aus dem Blick verloren. Schunk sprach sich für eine hybride Strategie aus, die ein UKW-Abschaltdatum ausschließe und betonte dass UKW für die Privaten noch lange und alternativlos die wirtschaftliche Geschäftsgrundlage bleiben werde.

 

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