Erwartung und Enttäuschung: Wie lässt sich das „Glaubwürdigkeits-Gap“ der Medien überwinden?

08. 06. 2016
Nachbericht

Diskussionsrunde zum Thema: „Geschäftsmodell Glaubwürdigkeit. Strategien für die wichtigste Währung der Medien“

Die Fragmentierung journalistischer Angebote wie auch die zunehmende Nutzung sozialer Medien führen zu einem Bedeutungsverlust der Journalisten als klassische Gatekeeper. Zudem beeinträchtigen Vorwürfe wie der einer einseitigen Berichterstattung oder einer zu großen Nähe zur Politik die Glaubwürdigkeit der etablierten Qualitätsmedien. Wie können Medienhäuser relevant und glaubwürdig sein, um ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern? Diese Frage diskutierten auf dem Medienforum NRW 2016 am Mittwoch, 08. Juni, unter Moderation von NDR-Journalistin Anna Marohn, profilierte Vertreter von Print- und Onlinemedien sowie TV unter dem Motto „Geschäftsmodell Glaubwürdigkeit. Strategien für die wichtigste Währung der Medien“. Einig waren sich die Panelteilnehmer darin, dass das Handwerk des Journalismus besser erklärt werden müsse, dass es Menschen gebe, die für die Wirklichkeit nicht mehr zu gewinnen seien, und dass Facebook als neuer Gatekeeper eine Bedrohung für die Nachrichtenmedien darstelle.

„Glaubwürdigkeit ist keine Produkteigenschaft“

In seinem Impulsreferat wies Prof. Dr. Michael Haller, Gesamtleiter Forschung der Hamburg Media School, darauf hin, dass Glaubwürdigkeit als Schlüsselbegriff in der öffentlichen Diskussion in den letzten zehn Jahren eine steile Themenkarriere erfahren habe. Dabei sei Glaubwürdigkeit keine Produkteigenschaft des Journalismus, sondern definiere Zuschreibungen an eine Kommunikation, die bestimmte Funktionen erfüllen solle. Die wichtigste davon sei: Sie soll Orientierung in der Welt geben. Glaubwürdigkeit entstehe, wenn beide Kommunikationspartner dieselben Anforderungen an Inhalte hätten. In der Medienrealität gingen diese jedoch auseinander, wie eigene Befragungen von jungen Journalisten und Mediennutzern zeigten. Es sei ein „Glaubwürdigkeits-Gap“ entstanden. Um dies zu überwinden, müssten die Medien mehr tun. Unter anderem sollten sie die Transparenz im Hinblick auf ihre Quellen stärken und den Status der verwendeten Informationen benennen.

Journalismus hat Hausaufgaben zu erledigen

Ein eher positives Bild zeichnete ZDF-Chefredakteur Dr. Peter Frey: Journalismus habe an Nachfrage und Reichweite gewonnen. So seien beispielsweise die Einschaltquoten des heute journals gestiegen. Allerdings steckten die Medienvertreter in einer Falle. „Wir müssen uns mit der Kritik auseinandersetzen, haben aber auch das Recht, Umfragen zu mangelnder Glaubwürdigkeit der Medien zu hinterfragen“, so Frey. Eigene Messungen des ZDF hätten ergeben, dass es in den letzten Jahren keine großen Veränderungen der Glaubwürdigkeit gegeben habe. Als Anbieter von Qualitätsjournalismus müsse den Zuschauern und Nutzern erklärt werden, wie Medienangebote entstehen. Hier habe der Journalismus „Hausaufgaben“ zu erledigen. Er müsse transparent sein und sich mit Fehlern auseinandersetzen. Auch das bisherige Kontrollsystem der öffentlich-rechtlichen Sender müsse einer Prüfung unterzogen werden.

Hinsichtlich der medienskeptischen Einstellung eines Teils der Bürger sagte Frey: „Wir müssen unterscheiden zwischen Menschen, die für die Wirklichkeit nicht mehr zu gewinnen sind, und denen, die sich Sorgen um die Meinungsvielfalt machen.“ Und er fügte hinzu: „Wir können einem Teil des Publikums schon vorhalten, dass sie aus ihrer Filterblase nicht herauskommen“. Hinter den Vorwürfen mangelnder Glaubwürdigkeit der Medien sieht der ZDF-Chefredakteur auch eine gezielte Attacke der Rechtspopulisten.

„Be first, but be first right“
Auch Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur bei BILD und BILD.de sieht trotz steigender Reichweite ein Problem mit einem Teil des Publikums, das sehr lautstark sei. Er habe sich gewundert, dass die Bildzeitung dafür kritisiert wurde, dass sie zu flüchtlingsfreundlich sei. BILD habe jede Menge fremdenfeindliche Zuschriften erhalten, zeitweise sei die Kommentarfunktion abgeschaltet worden. Er beobachte eine „irrsinnige Polarisierung“. Zudem dürfe die Erwartung der Leser hinsichtlich der politischen Berichterstattung nicht enttäuscht werden. Es fällt nicht jeden Tag eine große Entscheidung, manchmal lohne es sich, einen halben Tag nachzudenken. Sein Motto: „Be first, but be first right.“ Kritisch betrachtet Blome darüber hinaus neue Gatekeeper wie Facebook. Zunächst habe man gedacht, Social Media-Portale wie Facebook seien die neuen Kioske. „Jetzt stellt sich heraus, Facebook ist in der Lage zu steuern, was ausgespielt wird“, so Blome.

Kein konsistentes Bild einer Medienmarke mehr

Juliane Leopold, ehemalige Gründungschefin von BuzzFeed Deutschland und zukünftig Beraterin bei tagesschau.de, sieht durch amerikanische Unternehmen wie Facebook die Mediennutzung in einem gravierenden Veränderungsprozess. Die Distribution von Nachrichten verändere sich. Der Medienkonsum löse sich auf, die Nutzer bildeten sich kein konsistentes Bild einer Medienmarke mehr. „Bei Facebook sind erst einmal alle Meinungen gleich“, so Leopold. Die Journalismus- und Social Media-Expertin sprach in Bezug auf die Glaubwürdigkeit der Medien zudem davon, dass diese nur unter dem Aspekt der Teamarbeit beurteilt werden könne. Redaktionen seien flüchtige soziale Gebilde, in denen es verschiedene Meinungen und widerstreitende Prozesse gebe. „Mich stört das Bild des Meinungskartells“, sagte sie. Wichtig sei es, das eigene Handwerk zu definieren.

Facebook als Bedrohung für das Mediensystem

Für Stefan Plöchinger, Digitalchef der Süddeutschen Zeitung, ist die massive Medienkritik ein Phänomen, das es schon immer gegeben habe. Durch die sozialen Netzwerke werde sie jetzt aber sichtbar. „Wir haben 50.000 bezahlende Digitalabonnenten“, so Plöchinger. „Die Leute würden das nicht machen, wenn sie kein Vertrauen zu uns hätten.“ Im europäischen Vergleich habe Deutschland ein gut funktionierendes Mediensystem. Dies werde allerdings von Playern aus anderen Märkten wie Facebook bedroht. Nachrichtenmedien würden zunehmend über Facebook wahrgenommen, hier steuerten aber Algorithmen, was die Menschen sehen. Zudem beschreibt Plöchinger das Phänomen, dass viele Menschen nicht glauben wollen, was die Medien berichten. Als Beispiel nennt er die „Panama Papers“. Hier sei vom ersten Tag an der Vorwurf erhoben worden, dass in den Papieren keine Amerikaner auftauchten. Grund sei allerdings, wie die Journalisten recherchierten, dass es in Amerika selbst genug Steueroasen gebe. Dennoch wurde weiterhin unterstellt, die Amerikaner bewusst verschwiegen zu haben. Auch in solchen Situationen sei es wichtig, mit den Lesern zu diskutieren, meint Plöchinger.

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