Hands-on Social Media Journalism: Klasse-Content auf neuen Kanälen, oder geht’s doch zurück zur Steinzeit?

08. 06. 2016
Nachbericht

Facebook, WhatsApp, Snapchat und Co. – welche Rolle Social Media bei der Verbreitung von journalistischen Inhalten spielen können, war das Thema des Panels „Hands-on Social Media Journalism“ am zweiten Tag des Medienforum NRW 2016 am 8. Juni in Köln. Dabei machten die Diskussionsteilnehmer vor allem deutlich, dass die Hauptherausforderung darin liege, eine funktionierende Strategie für die Präsenz journalistischer Angebote und das Erreichen der adressierten Nutzergruppen in den sozialen Netzwerken zu entwickeln.

Die Messenger-App Snapchat zum Beispiel werde in erster Linie von jungen Menschen unter 25 Jahren genutzt, erklärte die Essener Journalistin Jenny Janson auf dem Podium. „Man muss sich fragen, ob das auch die Zielgruppe ist, die man erreichen möchte.“ Marcus Bösch, Journalist und Mitgründer des Games-Entwicklerstudios the Good Evil, gab zu bedenken, dass man das Thema nicht immer an konkreten Altersgruppen festmachen könne. „Interessanter ist es sich anzusehen, wer neugierig ist.“ In diesem Zusammenhang lobte Bösch auch die Experimentierfreude des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann, der seine Mitarbeiter zum Beispiel auf die Streaming-App Periscope aufmerksam gemacht habe. Grundsätzlich rief der the Good Evil-Geschäftsführer aber auch zu einem bewussten Umgang mit den neuen Kanälen auf: „Man muss nicht alles immer und überall rund um die Uhr machen.“

Ebenfalls auf dem Podium vertreten war Marcus von Jordan, der Online-Plattform piqd.de, die sich selbst als „Programmzeitung für guten Journalismus“ einordnet. Das Angebot besteht aus Link-Sammlungen zu verschiedenen Themenbereichen, die von Kuratoren zusammengestellt und kommentiert werden. „Das ist ein anachronistisches Tool“, kommentierte von Jordan, „es funktioniert ohne Algorithmus, nur mit Menschen.“ Von Jordan rief dazu auf, sich intensiv Gedanken über die Zukunft der Online-Medienlandschaft zu machen. „Wir haben kein Journalismus-Problem, sondern ein Journalismus-Vertriebsproblem“, lautete seine Einschätzung. Es sei unter anderem ein Thema, ob man den Inhalte-Vertrieb in die Hände von Konzernen wie Facebook geben wolle, deren Geschäftsmodell mit der Plattform Instant Articles er schwer nachvollziehbar finde. „Es ist durchaus an der Zeit, über das Grundsätzliche nachzudenken und Fragen zu stellen“, sagte der piqd.de-Geschäftsführer auch mit Blick auf die Rolle der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Online-Segment.

Zu diesem Thema hatten auch die anderen beiden Diskussionsteilnehmer Kritisches anzumerken. Die „Tagesschau“ sei mittlerweile auch mit einem Kanal auf giphy.com, einer Suchplattform für Gif-Animationen, vertreten, berichtete Bösch. „Da muss man sich schon fragen: warum?“ Auch aus Sicht von Janson ist ein solches Engagement „absolute Zeitverschwendung“. Es sei nicht sinnvoll, immer nur viel auszuprobieren, führte die Journalistin aus. „Man muss sich auch überlegen, wie das in eine Strategie passt.“ Grundsätzlich müssten Online-Journalisten heutzutage auch ein gewisses Marketing-Verständnis mitbringen oder sich entsprechend beraten lassen, führte Janson aus. „Reiner Journalismus reicht im Social Media-Bereich nicht aus, um eine Zielgruppe optimal zu erreichen.“

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