Medienforum NRW 2016: Zweiter Kongresstag im Zeichen der Transformation von Fernsehen und Journalismus

09. 06. 2016
Pressemeldung

Kongress beleuchtet Chancen und Herausforderungen des dynamischen Wachstums der Online-Mediennutzung und neuer technischer Möglichkeiten für Anbieter und Nutzer

Das 28. Medienforum NRW stand an seinem 2. Kongresstag am Mittwoch, 08. Juni, in der IHK Köln ganz im Zeichen der digitalen Transformation von Fernsehen und Journalismus. Der Kongress ging der Frage nach, welche Chancen und Herausforderungen das dynamische Wachstum der Online-Mediennutzung und neue technische Möglichkeiten für diese Angebote, ihre Macher und Nutzer bedeuten. Innovative neue Projekte, Trends und Innovationen wurden von ihren Akteuren und Machern sowie Branchenexperten diskutiert und mit Keynotes und praxisnahen Showcases vorgestellt.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Petra Müller, Geschäftsführerin Film- und Medienstiftung NRW, Dr. Ulrich S. Soénius, stellv. Hauptgeschäftsführer, Geschäftsführer der IHK Köln für Standortpolitik/RWWA., und Dr. Marc Jan Eumann, Staatssekretär für Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen, die dabei auch die Bedeutung der Medienwirtschaft am Standort NRW herausstellten. Der Tag klang aus mit dem Empfang „25 Jahre Film- und Medienstiftung NRW“.

Next Level Fernsehen, Content und Bewegtbild

TV, or not TV? Die Neudefinition des Fernsehens in der Multiplattformwelt 

Benjamin Ruth, Geschäftsführer Vice Media Deutschland, eröffnete mit einer Präsentation die inhaltliche Diskussion über die Neudefinition des Fernsehens in der Multiplattformwelt. „Man muss ein klar definiertes Produkt für eine Zielgruppe schaffen“, erläuterte Ruth die Erfolgsgeschichte von Vice. Im Anschluss daran diskutierten Joel Berger, Industry Leader Media & Entertainment Google Deutschland, Jens-Uwe Bornemann, Senior Vice President Digital Europe, FremantleMedia Group / Senior Vice President Digital, UFA, Sebastian Weil Vorsitzender der Geschäftsführung Studio 71 und Benjamin Ruth, Geschäftsführer Vice Media Deutschland. Moderator Scott Roxborough, The Hollywood Reporter, stellte schnell eine Einigkeit auf dem Podium fest: Die Frage, ob der Inhalt klassisches Fernsehen sei oder nicht, sei im Zeitalter von Multi Devices obsolet. Konsens herrschte auch in der Frage, wie sich das lineare Fernsehen entwickeln wird. „Fernsehen verschwindet nicht, es wird sich weiter entwickeln“, sagte Benjamin Ruth. Sebastian Weil differenzierte lediglich die Aussage: „Lineares TV wird nach wie vor stark sein, es wird aber auch viel vernetzter sein. Und nach wie vor wird es die großen Medienmarken geben.“

The More Local, The More Global? Neue Chancen für die deutsche TV-Serie

So erfreulich Erfolge wie „Deutschland 83“ sein mögen – sie sind noch kein Indiz dafür, dass deutsche Fernsehserien in größerem Stil nachhaltig Erfolg im internationalen Markt finden. Gleichzeitig eröffnen neue Plattformen wie Netflix oder Amazon aber zusätzliche neue Perspektiven für einheimische Produktionen. Dies waren zwei der Hauptaussagen der Diskussionsrunde zum Thema „Neue Chancen für die deutsche TV-Serie“. Estelle Chandeze vom TV-Forschungsinstitut Eurodata TV Worldwide leitete das Podium mit einer Keynote zu aktuellen Trends im Bereich der Fernseh-Serienproduktion in aller Welt ein. Sie zeigte u.a auf, dass sich das internationale Publikum zunehmend von Klischeevorstellungen, die bis dato oft die Wahrnehmung von Serieninhalten aus bestimmten Ländern prägten. Formate wie „Morgen hör‘ ich auf“ (ZDF) oder „Deutschland 83“ (RTL) hätten überzeugend gezeigt, dass aus Deutschland nicht nur klassische Krimiformate zu erwarten seien. Es diskutierten Produzent Jörg Winger, UFA Fiction, Marcus Ammon, Senior Vice President Film & Entertainment, Sky Deutschland, Moritz von Kruedener, Managing Director von Beta Film, Prof. Gebhard Henke, Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie beim WDR und Dan Maag, Gründer und Vorstand von Pantaleon Entertainment.

Coming of Age. The New Creators und die Perspektiven der Multi Channel Networks

Digitale Plattformen wie YouTube, Instagram, Snapchat oder Facebook haben den Zugang zu Bewegtbildproduktion demokratisiert. In der Folge ist eine neue Gruppe von Kreativen entstanden, die zunehmend professionell Videos produziert und vertreibt. Dr. Christian Zabel, Professor für Innovationsmanagement und Unternehmensführung an der Technischen Hochschule Köln, stellte eine neue, im Auftrag der Film- und Medienstiftung NRW entstandene Studie vor. Demnach ist die professionelle Erstellung von YouTube-Videos inzwischen kein Teenagerphänomen mehr, vielmehr sei eine Professionalisierung der Produktion zu beobachten. Spaß, Selbstverwirklichung und kreative Freiheit seien aber nach wie vor die Hauptmotive, die die Kreativen antreiben. Im Anschluss diskutierten unter der Moderation von Torsten Zarges (DWDL) Vertreter der Multi Channel Networks, wie weit aktuelle Geschäftsmodelle tragen und welche neuen Strategien in der Vermarktung und Zusammenarbeit mit den Webvideo-Produzenten entwickelt werden müssen. Einigkeit herrschte, dass eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Kreateure an erster Stelle stehen müsse. Bei der Vermarktung dürfe es nicht mehr nur um Reichweite, sondern auch um den „Brand-Fit“ gehen. Es diskutierten Thomas Spiller, Head of Brand Solutions, Endemol Beyond Germany, Sebastian Romanus, Managing Director GSA, Maker Studios Germany, Boris Bolz, Geschäftsführer Mediakraft Networks und Brian Ruhe, CEO & Co-Founder, Divimove.

Searching for the Young Rebels. Wie sich das Fernsehen neu erfindet

Florian Hager, Jugendangebot von ARD/ZDF, und Stuart Wettenhall, BBC Worldwide, stellten ihre Ansätze vor, sich als öffentlich-rechtliche Anbieter im Wettbewerb um junge Zuschauer zu positionieren. Hager präsentierte dabei die aktuellen Planungen für das Jugendangebot: Man wolle auch mit eigenproduzierten Webvideos in hochwertiger Qualität nachhaltig Reichweite aufbauen. Ein großer Bestandteil des Programms würden die Genres Information und Investigation sein. Junge Autoren sollten Inhalte zu den Themen Wissen, Bildung, Sport und Comedy produzieren. Ebenfalls in Planung sei eine fiktionale Webserie. Stuart Wettenhall berichtete von seinen Erfahrungen mit dem Jugendsender BBC 3. Seit fünf Jahren kreiere man dort Content für die junge Zielgruppe und habe gelernt, dass die Inhalte vor allem leicht verständlich sein müssten. Hauptkategorien seien dabei „Make you laugh”- und “Make you think“-Shows. Vor allem Themen wie Crime, Spiele, Sex und Comedy fänden großen Anklang beim Zielpublikum.

Virtual Reality in Television

Mitten in die Praxis ging es beim Podium Virtual Reality in Television. Brian Seth Hurst, Geschäftsführer The Opportunity Management Company, gab einen eindrucksvollen Überblick über den derzeitigen Stand von Virtual Reality (VR). „Virtual Reality ist die sich am schnellsten entwickelnde Branche überhaupt“, konstatierte Hurst. So sei VR längst aus der Nische heraus: Mittlerweile gebe es 3,6 Millionen Nutzer der VR-Brille Oculus Rift, 2,1 Millionen Nutzer von htc vive, 1,4 Millionen Sony Playstations VR und 5 Millionen Menschen, die Samsung Gear VR besitzen. VR hätte zwar durch die Gaming-Branche ihren Aufstieg erfahren, sagte Hurst, aber längst haben Player wie Netflix und Hulu die virtuelle Realität für sich entdeckt und investieren hier. Entscheidend dabei sei: VR benötigt – genau wie die klassischen Medien – gute Geschichten. „Und das wird sich auch nicht ändern.“ Diese Erkenntnis sei auch eine Chance für die Kreativbranche, meinte Hurst. Mobilgeräte sorgten für noch mehr Interesse an VR.

Pasi Helin, CCO MediaMonks, Stockholm, stellte ein Projekt seiner auf VR-spezialisierten Firma vor: Hollywood-Star Nicole Kidman präsentierte den Komfort in der First Class der Fluggesellschaft Etihad Airlines. Die Teilnehmer konnten sich anhand des Making of einen vertieften Eindruck über die Dreharbeiten machen. Helin wies darauf hin, dass man sich – egal welche Geschichte man verfilme –  „eher als Influencer denn als Regisseur fühlen sollte.“ Es ginge nicht darum, dass die Zuschauer sich ständig umsehen könnten, sondern darum, sich in einer anderen Zeit und in einem anderen Raum zu befinden. Das müsse man auch bei der Erstellung des Storyboards berücksichtigen.

Next Level Journalism

Geschäftsmodell Glaubwürdigkeit. Strategien für die wichtigste Währung der Medien

Wie können Medienhäuser relevant und glaubwürdig sein, um ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern? Diese Frage diskutierten unter Moderation von NDR-Journalistin Anna Marohn profilierte Vertreter von Print- und Onlinemedien. Einig waren sich die Panelteilnehmer darin, dass das Handwerk des Journalismus besser erklärt werden müsse, dass es Menschen gebe, die für die Wirklichkeit nicht mehr zu erreichen seien, und dass Facebook als neuer Gatekeeper eine Bedrohung für die Nachrichtenmedien darstelle. In einem Impulsreferat stellte Prof. Dr. Michael Haller, Gesamtleiter Forschung der Hamburg Media School, die Bedeutung der Glaubwürdigkeit für die Orientierung der Mediennutzer heraus Hier sei ein „Glaubwürdigkeits-Gap“ entstanden, für dessen Überwindung auch die Medien mehr tun müssten. Es diskutierten ZDF-Chefredakteur Dr. Peter Frey, Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur bei BILD und BILD.de, Juliane Leopold, ehemalige Gründungschefin von BuzzFeed Deutschland und zukünftig Beraterin bei tagesschau.de, und Stefan Plöchinger, Digitalchef der Süddeutschen Zeitung.

Hands-on Social Media Journalism: Klasse-Content auf neuen Kanälen, oder geht’s doch zurück zur Steinzeit?

Facebook, WhatsApp, Snapchat und Co. – welche Rolle Social Media bei der Verbreitung von journalistischen Inhalten spielen können, war das Thema des Panels „Hands-on Social Media Journalism“. Dabei machten die Diskussionsteilnehmer vor allem deutlich, dass die Hauptherausforderung darin liege, eine funktionierende Strategie für die Präsenz journalistischer Angebote und das Erreichen der adressierten Nutzergruppen in den sozialen Netzwerken zu entwickeln. Es diskutierten unter der Moderation von Journalistin Andrea Hansen die Essener Journalistin Jenny Janson, Marcus Bösch, Journalist und Mitgründer des Games-Entwicklerstudios the Good Evil, und Marcus von Jordan von der Online-Plattform piqd.de, die sich selbst als „Programmzeitung für guten Journalismus“ einordnet.

Showcases „Next Level Journalism“

„Wir müssen uns Gedanken machen, für wen genau wir eigentlich unsere Produkte entwickeln“, erklärte Franziska Bluhm, Leiterin Digitale Vernetzung bei der Verlagsgruppe Handelsblatt, in ihrem Vortrag. Als Medienhaus müsse man die aktuellen Entwicklungen, etwa im Bereich von Erlösmodellen oder Erzählformen, aufmerksam beobachten. Die Strategie der Verlagsgruppe Handelsblatt sei auf drei Darreichungsformen ausgerichtet: Papier, digital und live.

Philip Faigle, Redakteur bei ZEIT Online, stellte das Konzept der sogenannten „Magnetpunkt-Projekte“ vor, bei denen Print- und Online-Redakteure sowie Video-Spezialisten bei der ZEIT in Ressort-übergreifenden Teams zusammenarbeiten. Mit dem Projekt „Rechte Gewalt gegen Flüchtlinge“ habe die ZEIT unter anderem rund 450.000 zusätzliche Leser online gewonnen. Die zentrale Infografik zu dem Thema sei in mehr als zehn Millionen Timelines bei Facebook zu sehen gewesen. Man experimentiere in diesem Bereich auch mit anderen Darstellungsformen, so sei „Game of Greece“, ein Beitrag zur Finanzkrise in Griechenland, im Stil einer Graphic Novel gestaltet worden.

Gemeinsam mit der LfM-Stiftung für Lokaljournalismus – Vor Ort NRW hat das gemeinnützige Recherchezentrum correctiv.org ein dreistufiges Programm für Datenjournalismus in Nordrhein-Westfalen entwickelt. Simon Wörpel von correct!v.org stellte das Thema auf dem Medienforum vor. „Datenjournalismus kann für eine Regional- oder Lokalredaktion extrem wichtig und förderlich sein.“ Leser verbrächten erfahrungsgemäß viel Zeit auf Seiten, auf denen sie Daten über sich und ihre Umgebung recherchieren könnten.

Martin Heller, Head of Video Innovations bei WeltN24, gab anschließend einen Einblick in den Einsatz von Virtual Reality in Zusammenhang mit journalistischen Inhalten. Seit einem Jahr sei WeltN24 in diesem Segment aktiv, berichtete er, 45 VR-Produktionen seien seitdem entstanden. Inhaltlich seien vor allem Reisereportagen gefragt. Große Resonanz erreiche die Redaktion damit vor allem in sozialen Netzwerken.

Jan-Eric Peters, Chief Product Officer und stellvertretender CEO, stellte Upday vor, ein Projekt des Medienhauses Axel Springer, das in einer strategischen Partnerschaft mit dem Smartphone-Anbieter Samsung durchgeführt wird. Die Grundidee der App sei die Zusammenfassung aller Nachrichten, die ein User mitbekommen möchte, an einem Ort, erklärte Peters. Die Anwendung, für die laut Peters in jedem Land rund 500 Quellen genutzt werden, sei auch eine Plattform für Verlage. Man hoffe, bis Ende des Jahres auf zehn Millionen Smartphones präsent zu sein.

Adrian Feuerbacher, Leiter der Programmgruppe Politik und Aktuelles bei NDR Info, dem Hörfunk-Informationsprogramm des Norddeutschen Rundfunks (NDR), präsentierte in Köln, das wöchentlich erscheinende Erklärvideo-Format „WhatsInfo“ für Facebook- und Twitter-Nutzer, das er mit seiner Redaktion entwickelt hat. „Ziel dieses Formats ist es, mehr Menschen in Berührung mit unserer Marke zu bringen“, erklärte er.

Plattform für den digitalen Zukunftsdialog

Das 28. Medienforum NRW findet von Dienstag, 7. Juni, bis Donnerstag, 9. Juni 2016, in Köln statt und bietet ein kompaktes Kongressprogramm für die Medien- und Digitalbranchen als Plattform für den digitalen Zukunftsdialog – ein Next Level-Forum für Debatte, Austausch und Vernetzung. Veranstaltungsorte sind die Koelnmesse (Congress-Centrum Ost) sowie die Industrie- und Handelskammer zu Köln. Die Federführung für das 28. Medienforum NRW liegt bei der Film- und Medienstiftung NRW, Programmentwicklung und Durchführung beim Mediencluster NRW.

Partner und Kooperationen

Neben der Partnerschaft des Medienforum NRW mit der ANGA COM bestehen in diesem Jahr u.a. Kooperationen mit der IHK Köln, Deutsche Welle, Deutschlandradio, Euronews, Ford, Media Broadcast, Ooyala, Phoenix, QVC, der Mediengruppe RTL Deutschland, dem DJV-NRW, Kölner Forum Medienrecht, der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Rushlake und dem Verband Privater Rundfunk und Telemedien e.V. (VPRT). Als Medienpartner sind u.a. der Auerbach Verlag, Blickpunkt Film, DWDL.de, Brand Eins, epd Medien, InfoSat, K-West, Marketing Börse, Medien Bulletin und Vice Media vertreten.