Mehr Inhalte, mehr Bandbreite, mehr Daten – Eröffnungspodium des Medienform NRW diskutiert die Zukunft der Medienlandschaft

07. 06. 2016
Nachbericht

Wie sieht die Mediennutzung der Zukunft aus? Wie wird sich die lineare und nicht-lineare Nutzung von Medieninhalten entwickeln, welche Anforderungen stellt das sich verändernde Medienverhalten an den Netzausbau, und wie können Medienanbieter das Nutzererlebnis verbessern? Diesen Fragen gingen Vertreter von privaten und öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen sowie Netzbetreibern unter Moderation von Dr. Christian Stöcker (Spiegel Online) auf dem Eröffnungspanel des Medienforum NRW 2016 am 07. Juni in Köln nach.

Messinstrumente für den gesamten Markt notwendig

Susanne Aigner-Drews, Geschäftsführerin von Discovery Networks Deutschland, setzt auf Verbreitungsvielfalt. Sie betont, dass es für die verschiedenen Inhalte des Unternehmens –  Factual Entertainment-Angebote, Dokumentationen und Sport – sowohl lineare als auch nicht-lineare Nutzungsmöglichkeiten gebe. Dazu zählen Abrufmöglichkeiten ursprünglich linearer Programme in  Mediatheken, Apps oder reine OTT-Produkte, zum Beispiel der Eurosport Player. „Wir haben jede Menge Touchpoints“, so Aigner-Drews. Interessant sei, dass weibliche Zuschauer nicht-lineare Inhalte vor allem mobil nutzten, männliche Nutzer griffen auf diese eher vom PC aus zu. Auf neue Konkurrenten wie Netflix schaue sie mit Spannung und Neugier. „Ich sehe diese Anbieter als Wettbewerber, nicht als Killer“, beruhigt die Discovery-Geschäftsführerin. Sie rechnet mit einer „gesunden Koexistenz“. In Zukunft würden sich verschiedene Verbreitungswege durchsetzen, wichtig seien starke Inhalte. Sie beobachtet, dass sich das Nutzungsverhalten durch die neuen Anbieter in den letzten Jahren verändert habe. „Auch bei unseren Inhalten sehen wir mittlerweile das Phänomen „Binge Viewing“, so Aigner-Drews. Als kommerzieller Anbieter wolle ihr Unternehmen Werbung verkaufen. Deshalb seien Messinstrumente für den kompletten Markt notwendig, an denen sich auch die amerikanischen Partner beteiligen müssten.“

„Wir verkaufen uns unter Wert“

Conrad Albert, Mitglied des Vorstands der ProSiebenSat.1 Media AG, betonte, dass die privaten Sender sowohl linear als auch nicht-linear mit bestimmten Formaten, darunter an erster Stelle „Germanys Next Top Modell“ (PRO 7) sehr hohe Reichweiten generierten. „Wir verkaufen uns unter Wert“, so Albert, „da nur die klassische Reichweite gemessen wird.“ Das werde sich allerdings 2017 ändern, wenn auch die mobile Reichweite mit erfasst werde. Da die zunehmende nicht-lineare, vor allem mobile Nutzung von Bewegtbild immer größere Bandbreiten erfordere, richtete er den Appell an die Netzbetreiber, den Ausbau der Netze schnell voranzutreiben. Das dürfe nicht nur in Ballungsräumen erfolgen, sondern auch in weniger dicht besiedelten Regionen. Sonst bestehe die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft. In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, wer den Breitbandausbau  in Gegenden bezahle, in denen sich die Investition nicht schnell refinanzieren lasse. Im Wettbewerb mit den großen amerikanischen Playern wie Google und Amazon sei es wichtig, mehr über die Zuschauer zu wissen, um ihnen durch Targeting und Empfehlungsmanagement ein besseres Nutzungserlebnis zu bieten. In der digitalen Welt seien Daten die neue Währung, deshalb würde das Vertrauen in starke Marken immer wichtiger.

Eine Mediathek für alle ARD-Sender

„Lineares Fernsehen ist King“, davon ist WDR-Intendant Tom Buhrow überzeugt. Er verwies darauf, dass die nicht-lineare Nutzung im Vergleich mit der linearen immer noch gering sei. Inhalte nicht-linear anzubieten sei zudem eine Kostenfrage: Im Broadcastbereich wären die Kosten für die Sender begrenzt, egal, wie viele Zuschauer eine Sendung sähen, während im Internet die Kosten mit der Anzahl der Nutzer steigen würde. Für die öffentlich-rechtlichen Anbieter gestalte es sich zudem schwierig, Inhalte nur für das Netz zu erstellen, da dies rechtlich nur beitragsbegleitend möglich sei. Neben den linearen Sendern setzen die ARD-Anstalten aber auch auf den Ausbau der Mediatheken. Buhrow kündigte an, dass die Mediatheken in der ARD neu aufgesetzt würden, und es in Zukunft nur eine Mediathek geben werde. In Bezug auf die Infrastruktur bekannte sich Buhrow zu unabhängigen Verbreitungswegen. Dazu zähle auch die Umstellung auf den digital terrestrischen Standard DVB-T2, der in  Ballungsgebieten zur Fußball-EM bereits verfügbar sein werde.

Netze wachsen zusammen

Dr. Manuel Cubero, Geschäftsführer und Chief Commercial Officer bei Vodafone Deutschland, sieht im Mobilfunk ein enormes Potenzial. „Die Datennutzung wächst am schnellsten mobil“, so Cubero. Die Mobilfunknetze würden die Festnetzkomponente ergänzen. Das bedeute, dass die Netze zusammenwachsen, was einen enormen Aufwand für die Netzbetreiber bedeute. Es müssten Plattformen mit verschiedenen Netzkomponenten aufgebaut werden, die es früher nicht gab und die sich nach dem Nutzungsverhalten der User richteten. Daten über den Nutzer zu erhalten, werde immer wichtiger. Derzeit seien nur wenige Fernsehzuschauer mit einem Rückkanal verbunden, das werde sich aber in Zukunft ändern.

„Mobile Video ist der Treiber für die Netze“

Michael Hagspihl, Geschäftsführer für den Privatkundenbereich der Telekom Deutschland GmbH, betonte, dass man eine TV-Plattform innovativ und nach den Wünschen der Kunden gestalten müsse. Nicht nur lineares Fernsehen, sondern auch die Aggregation von Inhalten in einem Video-on-Demand-Angebot, wie bei Entertain TV, sei notwendig. Dabei muss relevanter Content mit wenigen Klicks zur Verfügung gestellt werden. Hierfür sei ein Empfehlungsmanagement wichtig. „Fernsehen ist da, wo der Kunde ist“, so Hagspihl. Zunehmend wollen Zuschauer TV-Inhalte mobil sehen, auch zu Hause. „Mobile Video ist der Treiber für die Netze“. Das bedeute auch für die Telekom, weiterhin in den Mobilfunk zu investieren. Gerade in Ballungsräumen gehe es darum, Netze zu kombinieren, so beispielsweise LTE und 5G, um die Kundennachfrage zu befriedigen. Die Telekom sei aber auch ein Kabelnetzbetreiber. „Wir investieren auch in Kupfernetze“, so Hagspihl.  Wie alle anderen Diskussionsteilnehmer wünscht sich auch Hagspihl einen offenen Umgang mit den Daten der Zuschauer, um das individuelle Fernseherlebnis jedes einzelnen zu verbessern, und sich den großen amerikanischen Playern wie Amazon im Wettbewerb zu stellen. „Daten sind das Öl im Motor der Digitalisierung“, zitiert er Telekom-Chef Tim Höttges, und fügt hinzu: „Wir müssen dem Kunden den Mehrwert erklären, wenn wir mit seinen Daten arbeiten.“

Chancen von Big Data nutzen

Lutz Schüler, Chief Executive Officer (CEO) von Unitymedia, ist sich sicher: „Jede Bandbreite wird benutzt, wenn sie da ist“. Was technologisch möglich sei, werde auch gebraucht. Eine Downloadgeschwindigkeit von 10 GB/s werde irgendwann selbstverständlich sein. Schüler betont zudem, dass für Unitymedia das Thema WIFI wichtig sei, da in Deutschland hier Nachholbedarf bestehe. Das Unternehmen habe im Kabelnetz über 100 Städte mit Hotspots ausgerüstet und über drei Monate getestet. Auch bei der Netzabdeckung lohne es sich für Unitymedia, neue Regionen zu erschließen. In Bezug auf die Datenerhebung und das Empfehlungsmanagement für Kunden plädiert Schüler dafür, mehr über die Chancen zu sprechen, die Big Data mit sich bringe. „Wir diskutieren immer nur über die Probleme“, so Schüler. „Die amerikanischen Unternehmen machen es einfach, wir laufen ihnen hinterher.“

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