Next Level Journalism: Journalismus im Wandel – Wer ist im Netz relevant?

11. 06. 2015
Nachbericht

Wie lässt sich Qualitätsjournalismus auch im Netz realisieren, welche tragfähigen Geschäftsmodelle können entwickelt werden und wie sollen sich Medienunternehmen in Bezug auf die internationalen Player wie Google, Facebook und Apple positionieren? Diese Fragen zur Zukunft des digitalen Journalismus diskutierten Verlagsvertreter auf dem Podium „Next Level Journalism: Journalismus im Wandel – Wer ist im Netz relevant?“ auf dem Medienforum NRW 2015.

VICE News

Zum Auftakt der Veranstaltung präsentierten im Gespräch mit NDR-Journalistin Anna Marohn Sterling Proffer, General Manager, VICE News aus New York und Kevin Sutcliffe, Head of News Programming von VICE Europe in London, das Konzept des digitalen Nachrichtenangebots „VICE News“. Die Inhalte des Online-Nachrichtenportals, das Text, Foto, aber vor allem Videocontent umfasst, richte sich in erster Linie an jüngere Nutzer unter 35 Jahren, die von den klassischen Medien nicht angesprochen werden. „VICE News“ erzähle Geschichten in einer besonderen und authentischen Weise, so Sterling Proffer. „Dadurch unterscheiden wir uns von anderen Newsangeboten.“ Das Themenspektrum reiche von sozialen Themen bis hin zur Kriegsberichterstattung, z.B. aus Syrien oder der Ukraine. In Deutschland kooperiere „VICE News“ derzeit mit RTL 2. Der deutsche Markt sei sehr bedeutend, so Kevin Sutcliffe. Man wolle das Portal gerne auch hier anbieten und hoffe, Ende des Jahres Konkretes verkünden zu können.

„Die radikalste Attacke auf die Medienwelt, wie wir sie kennen“

In seiner Keynote brachte Matthias Müller von Blumencron, Chefredakteur der Digitalen Produkte. der FAZ, sein Sorge darüber zum Ausdruck, dass die großen internationalen Plattformen sich zum Beispiel mit Instant Articles auf Facebook und Apple News in den medialen Bereich bewegen und selbst zu Medien würden. Möglicherweise erlebe man gerade „den Beginn der radikalsten Attacke auf die Medienwelt, wie wir sie kennen“, sagte er in Köln. Bisher sei Facebook nur ein Interaktionskanal gewesen, doch nun würden Journalisten aufgefordert, zu einer „verlängerten Werkbank von Facebook zu werden“, warnte von Blumencron. Die Nutzer würden dann nicht mehr die FAZ oder den Spiegel lesen, sondern Apple und Facebook. „Unsere Chance, als Medien zu bestehen, liegt darin, Inseln der Glaubwürdigkeit zu schaffen und die Marke zu stärken.“ Nach einer längeren Debatte in der Redaktion habe man sich bei der FAZ dagegen entschieden, mit Facebook zu kooperieren.

Warnung, mit Google zu paktieren

In der anschließenden Diskussion relativierte Dr. Torsten Rossmann, Geschäftsführer von WeltN24, die negative Sichtweise auf Facebook. Die Nutzer interessiere vieles und bei Facebook seien sie in der Lage, sich alles auf Augenhöhe mit den Urhebern zu besorgen. „Wir machen hier Angebote, um Nutzer auf unsere Plattform zu ziehen“, so Rossmann. In Bezug auf die Digitalinitiative von Google, mit der 150 Millionen Euro für die Entwicklung von Nachrichtenangeboten zur Verfügung gestellt werden sollen, warnte er allerdings davor, mit Google zu kooperieren. Die Initiative sei ein Versuch, sich in der Debatte um das Leistungsschutzrecht mit den Verlagen gut zu stellen. Müller von Blumencron hielt diese Haltung des Axel Springer Verlages für inkonsequent, da die BILD Zeitung mit Facebook kooperiere. Für die FAZ, die sich an der Digitalinitiative beteiligt, sei das Entscheidende, mit Google Mechanismen zu finden, die „auf Dauer das Wirtschaften erleichtern können.“

Starke Marken stehen für journalistische Unabhängigkeit

Jörg Quoos, Chefredakteur der Funke‐Zentralredaktion, erläuterte den Umzug der Funke Medien nach Berlin. Es gehe nicht darum, Mitarbeiter zu entlassen, sondern um eine Bündelung der journalistischen Expertise in einem Haus, das „fußläufig zu den wichtigsten Ministerien“ liege. „Wir wollen an der Qualität des überregionalen Teils unserer Tageszeitungen arbeiten“, so Quoos. „In diesem Zusammenhang freue ich mich, dass wir mit Jochen Gaugele von ‚Die Welt‘ einen renommierten Politik-Journalisten für unser Team gewinnen konnten.“ Journalistische Medien müssten sich auf das konzentrieren, was sie können und was ihre Marke ausmache. „Wenn Qualitätsmarken neidisch auf BuzzFeed schauen, begehen sie einen schweren Fehler, so Quoos. BuzzFeed sei Unterhaltung, kein Journalismus. Es sei gefährlich, sich hier in den Wettbewerb zu begeben. Zum Thema der journalistischen Online-Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender sagte Quoos: „Natürlich darf Qualitätsjournalismus von den Öffentlich-Rechtlichen auch iins Netz kommen, aber es geht um Waffengleichheit.“ Man dürfe einen funktionierenden Markt nicht kaputt machen.

„Adblocker sind nicht das Ende des Journalismus“

Juliane Leopold, Chefredakteurin von BuzzFeed sagte, dass Publikum, an das BuzzFeed sich wende, sei auch auf internationalen Seiten und Social Media-Angeboten wie Facebook unterwegs. Das Medienmenü, das sich jungen Menschen zusammenstellten, sei „jenseits aller Scheuklappen“. Sie kündigte an, BuzzFeed werde in Zukunft auch klassische Nachrichten veröffentlichen. In den USA würden bereits investigative Geschichten entstehen. Die Diskussionsteilnehmer kritisierten außerdem die jüngste Ankündigung von Apple, einen Adblocker für mobile Geräte einzuführen, was das mobile Geschäftsmodell der Verlage in Frage stellen könne. Dagegen wies Juliane Leopold darauf hin, dass die Werbebranche bislang zu wenig in mobile Werbung investiert habe und dass man tragfähige Lösungen finden könne. „Adblocker sind nicht das Ende des Journalismus“, so Leopold

Live-Produktionen im Netz wichtig

Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass Videocontent für den Onlinejournalismus immer wichtiger werde. Als eine Redaktion wolle man über verschiedene Kanäle Geschichten verbreiten, sagte Torsten Rossmann, der N24 an die WeltGruppe verkauft hat. Live-Berichterstattung werde dabei eine besondere Rolle spielen. Matthias Müller von Blumencron wies darauf hin, dass für das Netz anders produziert werden müsse. „Klassische TV-Produktionen lassen sich online nicht finanzieren“, so von Blumencron. Bei der FAZ. arbeite man hierfür mit sehr jungen Leuten zusammen, „die eine interessante Bildsprache und Schnitttechnik haben.“ Thomas Kemmerer, Chefredakteur Digitale Zeitungsangebote, Mediengruppe M. DuMont Schauberg, betonte die Bedeutung von Center TV für die Mediengruppe M.Dumont Schauberg, mit dem sie ebenfalls einen TV-Sender im Boot habe. Mittlerweile sei die Redaktionen ins Verlagshaus gezogen und sitze direkt neben dem Newsroom. „Die Redaktionen befruchten sich gegenseitig“, so Kemmerer, „obwohl wir noch nicht da sind, wo wir hinwollen.“

Unabhängiger Journalismus und Stiftungsgeld

Zum Thema der vom Land NRW initiierten Stiftung „Stiftung Vielfalt und Partizipation“ sagte Thomas Kemmerer, mit einer staatsnahen Stiftung sei kein unabhängiger Journalismus zu finanzieren, doch man könne in den Bereichen Aus- und Weiterbildung sowie Forschung kooperieren. Dagegen war Juliane Leopold der Meinung, dass eine Medienmarke nicht ihre Glaubwürdigkeit verliere, wenn sie Geld von einer Stiftung nehme, solange sie unabhängig und kritisch berichte. „Ich plädiere dafür, lassen Sie uns konkret auf die journalistischen Produkte schauen“, so Leopold.


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