Next Level Journalism – Showcases

08. 06. 2016
Nachbericht

Neue journalistische Konzepte und Geschäftsmodelle waren das Thema in der Showcase-Reihe „Next Level Journalism“ am zweiten Tag des Medienforum NRW 2016 am 8. Juni in Köln.

„Wir müssen uns Gedanken machen, für wen genau wir eigentlich unsere Produkte entwickeln“, erklärte Franziska Bluhm, Leiterin Digitale Vernetzung bei der Verlagsgruppe Handelsblatt, in ihrem Vortrag. Als Medienhaus müsse man die aktuellen Entwicklungen, etwa im Bereich von Erlösmodellen oder Erzählformen, aufmerksam beobachten. Die Strategie der Verlagsgruppe Handelsblatt sei auf drei Darreichungsformen ausgerichtet: Papier, digital und live. Das Live-Segment umfasse mittlerweile mehr als 200 Veranstaltungen pro Jahr, berichtete Blum. „Wir wollen den lebendigen Austausch mit unseren Lesern, nicht nur in Artikeln und Kommentaren, sondern auch auf der Bühne.“ Philip Faigle, Redakteur bei ZEIT Online, stellte das Konzept der sogenannten „Magnetpunkt-Projekte“ vor, bei denen Print- und Online-Redakteure sowie Video-Spezialisten bei der ZEIT in Ressort-übergreifenden Teams zusammenarbeiten. Seit einem Jahr sei man in dieser Form aktiv. „Wir machen damit extrem gute Erfahrungen“, erklärte Faigle, der als Beispiel das Projekt zum Thema „Rechte Gewalt gegen Flüchtlinge“ nannte. Damit habe die ZEIT unter anderem rund 450.000 zusätzliche Leser online gewonnen. Die zentrale Infografik zu dem Thema sei in mehr als zehn Mio. Timelines bei Facebook zu sehen gewesen. „Wir experimentieren in diesem Bereich auch mit anderen Darstellungsformen“, berichtete Faigle. So sei etwa „Game of Greece“, ein Beitrag zur Finanzkrise in Griechenland, im Stil einer Graphic Novel gestaltet worden.

Gemeinsam mit der LfM-Stiftung für Lokaljournalismus – Vor Ort NRW hat das gemeinnützige Recherchezentrum correctiv.org ein dreistufiges Programm für Datenjournalismus in Nordrhein-Westfalen entwickelt. Simon Wörpel von correctiv.org stellte das Thema auf dem Medienforum vor. „Datenjournalismus kann für eine Regional- oder Lokalredaktion extrem wichtig und förderlich sein.“ Leser verbrächten erfahrungsgemäß viel Zeit auf Seiten, auf denen sie Daten über sich und ihre Umgebung recherchieren könnten. Beim Umgang mit dem Zahlenmaterial sei aber Behutsamkeit erforderlich, gab Wörpel zu bedenken. „Eine Tabelle ist genauso eine Quelle wie ein Interview, die man auch entsprechend journalistisch überprüfen muss.“ Martin Heller, Head of Video Innovations bei WeltN24, gab anschließend einen Einblick in den Einsatz von Virtual Reality in Zusammenhang mit journalistischen Inhalten. Seit einem Jahr sei WeltN24 in diesem Segment aktiv, berichtete er, 45 VR-Produktionen seien seitdem entstanden. „Eine Länge von zwei bis fünf Minuten pro Beitrag empfinde ich als ausreichend“, lautet Hellers Einschätzung. Inhaltlich seien vor allem Reisereportagen, wie etwa ein Gang über die Prager Karlsbrücke oder eine Moped-Tour durch Berlin, gefragt. Große Resonanz erreiche die Redaktion damit vor allem in Sozialen Netzwerken. Die Begeisterung vieler User entstehe dabei auch aus einer gewissen Unkenntnis, kommentierte Heller, „das macht es besonders spannend.“

Jan-Eric Peters, Chief Product Officer und stellvertretender CEO, stellte Upday vor, ein Projekt des Medienhauses Axel Springer, das in einer strategischen Partnerschaft mit dem Smartphone-Anbieter Samsung durchgeführt wird. Die Grundidee der App sei die Zusammenfassung aller Nachrichten, die ein User mitbekommen möchte, an einem Ort, erklärte Peters. Upday, das über Anzeigenwerbung finanziert wird, ist bislang in Deutschland, Polen, Großbritannien und Frankreich verfügbar – ausschließlich für Samsung-Handys. Die Anwendung, für die laut Peters in jedem Land rund 500 Quellen genutzt werden, sei auch eine Plattform für Verlage. „Wir zwingen diese aber nicht in ein geschlossenes System wie etwa bei Instant Articles, sondern verlinken direkt auf deren Seiten.“ Mit der bisherigen Resonanz können die Verantwortlichen zufrieden sein: Nach drei Monaten habe Upday bereits mehr als eine Mio. Unique Users gewinnen können, so der CPO. „Wir hoffen, bis Ende des Jahres auf zehn Mio. Smartphones präsent zu sein.“ Adrian Feuerbacher, Leiter der Programmgruppe Politik und Aktuelles bei NDR Info, dem Hörfunk-Informationsprogramm des Norddeutschen Rundfunks (NDR), stellte in Köln das wöchentlich erscheinende Erklärvideo-Format „WhatsInfo“ für Facebook- und Twitter-Nutzer vor, das er mit seiner Redaktion entwickelt hat. „Ziel dieses Formats ist es, mehr Menschen in Berührung mit unserer Marke zu bringen“, erklärte er. Die Videos werden im Hochformat produziert und sind weitestgehend ohne Ton. „Uns als Radioleute kostet das durchaus große Überwindung“, kommentierte Feuerbacher den letztgenannten Aspekt schmunzelnd, „aber es ist eher selten, dass sich Nutzer nur für ein kurzes Erklärformat Kopfhörer aufsetzen.“ Insgesamt sei „WhatsInfo“ eine interessante Herausforderung, auch im Hinblick auf die Gestaltung des Textes. „Es ist eine Gratwanderung, weil das Format einerseits seriös und glaubwürdig sein soll, bei geeigneten Themen aber auch augenzwinkernd und witzig präsentiert werden soll“, berichtete Feuerbacher.

Keine Geschäftsidee, sondern eine Online-Plattform, um auf Gefahren für die eigene Berufsgruppe aufmerksam zu machen, stellte Prof. Dr. Frank Überall, Vorsitzender des Bundesvorstands des Deutschen Journalisten-Verbandes (DRV) zum Abschluss der Showcase-Reihe vor. Verletzte Journalisten seien auch in Deutschland keine Ausnahmen mehr, erklärte Überall. „Wir haben den Eindruck, dass es zum Teil regelrechte No-Go-Areas gibt, in denen wir nicht erwünscht sind.“ Die Gefahr, der Journalisten etwa bei Demonstrationen ausgesetzt seien, werde vielfach auch von zuständigen Behörden unterschätzt. Immer wieder seien Journalisten auch das Ziel von Drohungen und Beleidigungen. Der DJV hat unter dem Titel augenzeugen.info ein Blog gestartet, das über solche Fälle informieren und ein Bewusstsein dafür schaffen will – auch bei Polizei, Richtern, Staatsanwälten und Politikern. „Ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als dass wir die Plattform bald nicht mehr benötigen“, erklärte Überall. Davon sei man derzeit aber noch weit entfernt.

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