Next Level Journalismus: Medien als kritische Masse der Demokratie

08. 06. 2016
Nachbericht

Wie sieht die Situation für Medien und Journalisten in der Türkei und in Russland aus? Mit dieser aktuellen Frage beschäftigte sich das Podium Medien als kritische Masse der Demokratie, das in Kooperation mit der Deutschen Welle stattfand.

Türkei und Russland: Journalisten stark eingeschüchtert

In der Türkei könne man nicht von „den“ Journalisten sprechen, erklärte Seda Serdar, Leiterin des türkischen Programms der Deutsche Welle. Vielmehr gebe es zwei Gruppen: Die Regierungskritischen und die Regierungstreuen. Die erste Gruppe verliere aufgrund ihrer Haltung oft ihre Jobs, würde schlechter bezahlt, sei von Gerichtsverfahren bedroht und würde im schlimmsten Fall ins Gefängnis kommen. „Es herrscht eine Bedrohung“, resümierte Sedar. Freie Medien gebe es nur vereinzelt als kleinere Online-Medien, ergänzte Dr. Demir Murat Seyrek, Leitender Strategieberater Europäische Stiftung für Demokratie. „Die Leute haben wirklich Angst aufzustehen, weil sie ihre Jobs nicht verlieren wollen.“

„In Russland ist die Situation genauso“, berichtete Zhanna Nemtsova, Journalistin bei der Deutschen Welle Russisches Programm und Tochter des ermordeten Oppositionspolitikers und Putin-Kritikers Boris Nemtsov. Sie selbst habe erfahren, dass kritische Berichterstattung nicht erwünscht sei. Schon das inhaltliche Aufgreifen des Ukrainekonflikts könne als Kritik verstanden werden und berge Sprengstoff. Deshalb beobachte sie bei den Journalisten, die im Land bleiben, dass sie immer unkritischer würden, um Probleme zu vermeiden.

Die Schwierigkeit, sich gegen weit verbreitete Lügen im Netz zu wehren

Auf eine ganz andere Problematik wies Jakub Kalenský, Mitglied der East StratCom Task Force der Europäischen Union, hin: „Russland selbst steht bei uns erst auf Rang drei der Liste. Sorge bereitet uns eher die kontinuierliche russische Desinformationspolitik.“ In osteuropäischen Staaten wie Ungarn und Polen würden in Russland erstellte, absurde Propaganda-Botschaften online verbreitet werden – zum Beispiel über Angela Merkel. „Die Inhalte sind lächerlich, das Problem ist die Wiederholung. Man kann nicht hundertmal am Tag zu einer Lüge sagen: Das ist eine Lüge.“ Deshalb zog Kalenský das Fazit: „Wir sollten uns wirklich wegen dieser Kampagne gegen uns Sorgen machen.“

Satire ist nicht erwünscht

Auch die Frage, ob Satire erlaubt sei, beschäftigte die Diskussionsteilnehmer, nicht zuletzt wegen der Causa Jan Böhmermann. Sendungen wie die „heute show“ in Deutschland gebe es in der Türkei nicht mehr, stellte Sedar fest. Wer sich satirisch unerwünscht äußere, werde genauso belangt wie Journalisten. In Russland könne man sich über den russischen Premierministers Dmitrij Medwedew lustig machen, aber niemals über Präsident Wladimir Putin, sagte Nemtsova.

Social Media hat Relevanz in der Türkei, aber nicht in Russland

Moderator Ingo Mannteufel, Deutsche Welle, stellte die Frage, welche Rolle Social Media in der Türkei und in Russland spiele. In der Türkei beziehe ein großer Teil der Nutzer Nachrichten aus den Social-Media-Kanälen, berichtete Sedar. Auch der Live-Streaming-Dienst Periscope sei sehr verbreitet. Außerdem würden Inhalte, deren Absender als glaubwürdig eingestuft werden, wie zum Beispiel die Deutsche Welle, oft geteilt werden, sagte Dr. Seyrek.

In Russland gebe es ein anderes Bild, erklärte Zhanna Nemtsova: „Die Existenz von Facebook und Twitter hilft leider nicht. Soziale Medien seien nicht so einflussreich wie in anderen Ländern.“ Das Haupt-Informationsmedium sei nach wie vor das klassische Fernsehen.

„Realistischer Optimismus“ auf dem Podium

Der Ausblick, den die Podiumsteilnehmer gaben, enthielt dennoch ein paar wenige positive Aspekte. „Ich bin ein realistischer Optimist“, bekannte Seyrek. Mit Wahlen könne das Land verändert werden. Auch verliere der türkische Präsident Recep Erdoğan durch seinen rigiden Kurs Anhänger. Eine Möglichkeit, sich elegant zur Wehr zu setzen, sei auch die Ausbildung von jungen Journalisten, sagte Sedar. Trotz der Situation gebe es junge Menschen, die gerne Journalisten werden möchten. Diese könne man, zum Beispiel mit Kooperationen mit Partnern aus anderen europäischen Ländern, ausbilden.

Nemtsova äußerte zum Abschluss die Hoffnung, dass die angespannte finanzielle Situation von Russland die Desinformationspolitik einschränke, denn es fehle Geld, diesen Content zu erstellen.


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