Next Level Television: TV, or not TV? Die Neudefinition des Fernsehens in der Multiplattformwelt

08. 06. 2016
Nachbericht

Eröffnung und Begrüßung

Petra Müller, Geschäftsführerin Film- und Medienstiftung NRW, begrüßte am zweiten Tag des Medienforums NRW die Besucher in der vollbesetzten IHK Köln und erläuterte, dass an diesem Tag das Thema Content im Fokus des Kongresses stehen werde.

Dr. Ulrich S. Soénius, stellv. Hauptgeschäftsführer, Geschäftsführer der IHK Köln für Standortpolitik/RWWA, wies in seiner Begrüßungsrede auf die Bedeutung der Medienwirtschaft für den Standort Köln hin: „Köln hat einen exzellenten Ruf, wir sind ein starker Standort.“ Er freue sich auch, dass das Medienforum am zweiten und dritten Tag in der IHK stattfinde.

Dr. Marc Jan Eumann, Staatssekretär für Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen, wies noch einmal auf die Rede von Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalen, vom Vortag hin. Die Ministerpräsidentin forderte in ihrer Eröffnungsrede mehr digitale Zivilcourage, „um sich der Verrohung im Netz entgegenzustellen.“ Dr. Eumann fügte hinzu: „Das ist keine Frage von Gesetzen, sondern von Haltung.“

Relevanz für die Zielgruppe, statt sofort große Reichweite anstreben

Benjamin Ruth, Geschäftsführer Vice Media Deutschland, eröffnete mit einer Präsentation die inhaltliche Diskussion über die Neudefinition des Fernsehens in der Multiplattformwelt. „Man muss ein klar definiertes Produkt für eine Zielgruppe schaffen“, erläuterte Ruth die Erfolgsgeschichte von Vice, die sich innerhalb von zwei Jahrzehnten von einem kanadischen Printmagazin zu einer weltweiten Multi-Channel-Marke entwickelt hat. Drei Punkte seien für die Entwicklung relevant gewesen: Erstens das Timing. „Durch die radikale Transformation der Bewegtbilddistribution hat sich das ganze Spielfeld verändert. Und das spielte uns in die Karten.“ Der zweite Punkt sei die „Relevanz für die Zielgruppe und nicht das sofortige Erzielen einer großen Reichweite“ gewesen. Drittens basiere das Geschäftsmodell von Vice auf der globalen Ausspielung der Inhalte. Ruth kündigte an, den in den USA neu gestartete Kabelsender Viceland auch nach Großbritannien, Frankreich und Deutschland zu bringen.

Unterschied „Klassisches TV oder nicht“ wird obsolet

Im Anschluss daran diskutierten Joel Berger, Industry Leader Media & Entertainment
Google Deutschland, Jens-Uwe Bornemann, Senior Vice President Digital Europe, FremantleMedia Group / Senior Vice President Digital, UFA, Sebastian Weil Vorsitzender der Geschäftsführung
Studio 71 und Benjamin Ruth, Geschäftsführer Vice Media Deutschland. Moderator Scott Roxborough, European News Editor, The Hollywood Reporter, stellte schnell eine Einigkeit auf dem Podium fest: Die Frage, ob der Inhalt klassisches Fernsehen sei oder nicht, sei im Zeitalter von Multi Devices obsolet. Bornemann verwies auf die Aussage von RTL-Group-Chefin Anke Schäferkordt: „TV steht inzwischen für Total Video.“

Konsens herrschte auch in der Frage, wie sich das lineare Fernsehen entwickeln wird. „Fernsehen verschwindet nicht, es wird sich weiter entwickeln“, sagte Benjamin Ruth. Sebastian Weil differenzierte lediglich die Aussage: „Lineares TV wird nach wie vor stark sein, es wird aber auch viel vernetzter sein. Und nach wie vor wird es die großen Medienmarken geben.“

Immer mehr Menschen bekommen Zugang zum Internet und wollen unterhalten werden

Joel Berger von Google legte seinen Focus auf Youtube: „Youtube wird weiterwachsen. Schon heute ist die Reichweite – nicht die Sehdauer – bei den 14-49-Jährigen höher als beim Fernsehen.“ Auch würde Youtube zunehmend mehr whites spaces abdecken, also Zeiten, in denen auf einem Gerät Bewegtbild konsumiert werde. Darüber hinaus würden weltweit immer mehr Menschen über Zugang zum Internet verfügen. Und die seien auf der Suche nach Inhalten, auch nach Entertainment.

Das Beste aus beiden Welten vereinen

Wie sich Stars auf Youtube und das lineare Fernsehen ergänzen, zeigte Sebastian Weil von Studio 71 auf: Youtuber bekämen Auftritte im TV, wie kürzlich bei der TV-Show „Die große ProSieben-Völkerball-Meisterschaft“, bei der es eine eigene Youtube-Mannschaft gab. TV würde von dem Buzz, den YouTube kreieren würden, profitieren, umgekehrt schaffen die Jungstars den Weg ins TV. Weil warnte aber vor einer einfachen Lösung: „Was nicht funktioniert: Youtuber eins zu eins ins TV zu bringen.“ Stattdessen könnten die Kreativen aus dem Netz zum Beispiel in Live-Inhalte integriert werden.

Akquisitionswelle bei Multi Channel Networks prognostiziert

Für alle kreativen Aktivitäten gelte: „One size fits all passt heute nicht mehr“, berichtete Jens-Uwe Bornemann aus seiner UFA Lab-Praxis. Stattdessen müsse man „extrem viel“ Know-how mitbringen, um für jedes Medium die richtige Ansprache und Form zu finden. So arbeite das UFA Lab beispielsweise mit einer Vielzahl von Influencern zusammen, um mit passgenauen Inhalten die jeweiligen Zielgruppen zu erreichen. Was die Multi Channel Networks anbelange, prognostiziert Bornemann „die nächste größere Akquisitionswelle“, da derzeit viele Studios neu gegründet würden.

Trends und Ausblick: Goldenes Zeitalter für Kreative

Zum Abschluss wollte Moderator Roxborough wissen, welche Trends die Podiumsteilnehmer ausgemacht haben. Für Google ist „Machine Learning“ ein zentrales Thema. „Früher hieß das Big Data“ erklärte Berger. Für Vice-Chef Ruth sind Daten auch ein wichtiges Feld, allerdings ginge es bei Vice eher darum, zu sehen, wo die User die Inhalte nutzen. UFA-LAB-Chef Bornemann nannte drei Themenfelder: „Kids und Bildung, Millennium Moms und Sport.“ Seinem Schluss-Statement konnten sich alle anschließen: „Es ist ein goldenes Zeitalter für Inhalteproduzenten und Kreative.“

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