Nicht nur die Reichweite zählt – Webvideoproduzenten und Multi Channel Networks suchen neue Vermarktungsstrategien

08. 06. 2016
Nachbericht

Webvideos sind aus der Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken und entwickeln zunehmende Relevanz bei den Usern. Auf Produktionsseite ist eine neue Gruppe von Kreativen entstanden, die in diesem Bereich zunehmend professionell Videos produziert und vertreibt. Für die sogenannten Multi Channel Networks (MCN) stellt sich die Frage, welche Rolle sie in einer neuen Medienwelt künftig spielen wollen und wie weit ihre aktuellen Geschäftsmodelle tragen. Diese Fragen diskutierten am Mittwoch, 8. Juni, auf dem Medienforum NRW 2016 unter der Moderation von DWDL-Journalist Torsten Zarges Vertreter von MCNs und Mediaagenturen auf dem Podium Coming of Age. The New Creators und die Perspektiven der Multi Channel Networks”.

Erstellung von YouTube-Videos ist kein Teenagerphänomen mehr
Zum Auftakt der Veranstaltung stellte Dr. Christian Zabel, Professor für Innovationsmanagement und Unternehmensführung an der Technischen Hochschule Köln, eine neue, im Auftrag der Film- und Medienstiftung NRW entstandene Studie vor, die erstmals Aufschluss darüber gibt, wer die Webvideo-Produzenten sind. Anhand einer wissenschaftlichen Befragung von 250 Creatoren hat Zabel ermittelt, welche Motive sie haben, wie sie produzieren, ihre Videos refinanzieren und mit wem sie zusammenarbeiten. Demnach ist die Erstellung von YouTube-Videos kein Teenagerphänomen mehr, und inzwischen sei eineProfessionalisierung in der Produktion zu beobachten. Spaß, Selbstverwirklichung und kreative Freiheit sind aber nach wie vor die Hauptmotive, die die Kreativen antreiben. Allerdings kann nur ein Viertel der professionellen Produzenten auch von YouTube leben. Als Plattform ist YouTube immer noch unersetzlich, aber die Konkurrenten wie Facebook, Snapchat oder Instagram holen auf. Die Studie wird Ende Juni 2016 verfügbar sein.

In einen Dialog mit den Webproduzenten treten
Einigkeit herrschte in der anschließenden Diskussion zu den Perspektiven der Multi Channel Networks darüber, dass eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Creatoren an erster Stelle stehen müsse. Bei der Vermarktung der Webvideos und Kanäle dürfe es nicht mehr nur um Reichweite gehen, sondern der Brand-Fit, also wie eine Marke zum Inhalt passt, müsse stimmen. Thomas Spiller, Head of Brand Solutions bei Endemol Beyond Germany, erläuterte, dass sein Haus mit den Kreativen auf freundschaftlicher Basis zusammenarbeite und im ständigen Dialog stände. Sebastian Romanus, Managing Director GSA beim Maker Studios Germany, betonte, Marken würden zunehmend erkennen, dass es darauf ankomme, mit dem Produzenten zusammenzuarbeiten, der zur Marke passe. Boris Bolz, Geschäftsführer, Mediakraft Networks, sieht im Markt eine Abkehr von der ausschließlichen Reichweitenfokussierung. Viel wichtiger werde es, die richtigen Talente zu finden und aufzubauen sowie eine passende Marke zu finden und aufzubauen. Mit dieser neuen Strategie sei Mediakraft mittlerweile gut aufgestellt, nachdem das Unternehmen als erstes MCN in der Vergangenheit in Schwierigkeiten gekommen war. Brian Ruhe, CEO & Co-Founder von Divimove, will ganzheitliche Konzepte für die Produzenten finden, die mehrere Plattformen einschließen und neben Video auch Musik- und Buchprojekte umfassen. Ruhe räumt jedoch ein: „Natürlich stürzen sich die Agenturen auf die großen YouTuber, Reichweite wird immer Teil der Gleichung bleiben.“ Er hält es für notwendig, eine Vergleichbarkeit der Messinstrumente für Bewegtbild im digitalen Bereich und im linearen TV zu schaffen.

Strategien der Bewegtbildvermarktung
Im zweiten Teil der Diskussion stellten Agenturen ihre Strategien der Bewegtbildvermarktung auf YouTube und anderen Plattformen vor. Lukas Schneider, Geschäftsführer von Whylder, versteht sich als Agentur für digitale Kommunikationsstrategien für Markenkunden und Medienhäuser, die im Web Reichweite aufbauen wollen. Sein Ansatz ist es, Geschichten zu erzählen, zu emotionalisieren und die Botschaft einer Marke an das Social Web anzupassen. Armin Schroeder, Geschäftsführer von Crossmedia, betonte, dass eine kanalübergreifende Mediastrategie entwickelt werden müsse. Es fehle bislang aber noch an Studien und an Know-how. Wichtig sei es, Partnerschaften mit den Kreateure einzugehen, um Marken zu inszenieren. Patrick Faber-Castell von Tacsy verfolgt einen anderen Ansatz: Tacsy wolle sogenannte Flagship Channels für Unternehmen gründen. Diese sollen sich von den klassischen Corporate Channels auf YouTube abheben. Das Material werde produziert, kuratiert und moderiert und an die Möglichkeiten einer Social Media Plattform angepasst, so Faber-Castell. Einen entsprechenden Anfang habe Tacsy bereits mit vier großen Unternehmen gemacht.


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