Showcases: Next Level Journalism

11. 06. 2015
Nachbericht

Showcases: Next Level Journalism

Mit sechs Showcases unter dem Motto „Next Level Journalism“ richteten die Teilnehmer am abschließenden Tag des Medienforum NRW den Blick auf neue Konzepte, Darstellungsformen und Geschäftsmodelle im Journalismus. Durch die Session führte Dr. Christian Stöcker, Ressortleiter Netzwelt bei Spiegel Online.

Checkpoint – Email an Berlin

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Täglich um 6 Uhr morgens bekommen die mittlerweile 85.000 Abonnenten den Berlin-Newsletter „Checkpoint“ von Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegel, auf ihr Mobiltelefon geschickt.

In persönlichem Ton richtet Maroldt seinen Blick auf das aktuelle Geschehen in der Bundeshauptstadt, kombiniert mit praktischen Informationen, etwa über Demonstrationstermine und Abgeordneten-Sprechstunden, und eigens geschaffenen Rubriken wie dem „BER Count Up“, der die Tage der Nichteröffnung des neuen Großflughafens zählt. Hinzu kommen zahlreiche Links, auf Artikel aus dem Tagesspiegel, aber auch von anderen Anbietern. „Checkpoint“ sei ausdrücklich nicht als Werbeplattform für die eigene Zeitung konzipiert, betonte Maroldt bei seinem Vortrag. „Die Leute sollen am Ende des Newsletters das Gefühl haben, dass sie es mitbekommen, wenn etwas Wichtiges in der Stadt passiert.“ Das Angebot ist kostenlos, was im Verlagshaus zunächst Skepsis hervorgerufen habe, berichtete der Chefredakteur. Es sei die Befürchtung geäußert worden, dass man sich selbst kannibalisiere, wenn man Inhalte verschenke. „Ich habe mir damals gedacht: Wenn ein kleiner Newsletter die Zeitung kannibalisiert, haben wir ein Problem mit der Zeitung, nicht mit dem Newsletter.“ Mittlerweile haben sich die Diskussionen offenbar erledigt, zumal „Checkpoint“, das aktuell für den Grimme Online Award nominiert ist, durchaus Einnahmen aus Sponsorengeldern generiere, wie Maroldt berichtete. „Dem Image des Tagesspiegel schadet es sicherlich auch nicht.“

The Sexiest Paywall in the World – Lessons to be learned from the Netherlands

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„Pay Per Article“ lautet das Prinzip der Online-Plattform Blendle, die Simon Kozlik in Köln präsentierte. Er ist bei dem niederländischen Unternehmen, das unter anderem von Springer und der New York Times finanziell unterstützt wird, zuständig für den Aufbau des Deutschland-Geschäfts. Hierzulande befindet sich Blendle in der Beta-Phase, idealerweise solle der Start in den Regelbetrieb noch in diesem Jahr erfolgen, sagte Kozlik. In den Niederlanden, wo Blendle von zwei Journalisten gegründet worden ist, seien seit dem Start vor einem Jahr rund 300.000 Nutzer erreicht worden, berichtete der Blendle-Manager. „Für solch ein kleines Land ist das großartig.“

Geboten werden bei Blendle komplette Artikel im Original-Layout aus Zeitungen und Zeitschriften. Der Leser zahlt für jeden einzelnen Zugriff, nach dem Lesen erhält er die Möglichkeit, sein Geld zurückzufordern. „Vor der Einführung von Blendle in den Niederlanden mussten wir die Verleger monatelang von diesem Modell überzeugen.“ In der Praxis habe sich jedoch gezeigt, dass die Rückzahl-Option unproblematisch sei. „Die Refund-Quote liegt gerade einmal bei vier Prozent“, berichtete Kozlik. 70 Prozent der Erlöse aus den Artikel-Käufen würden an die Verlage ausgeschüttet. Größere Anbieter könnten damit in den Niederlanden bereits „mehrere tausend Euro“ im Monat erzielen. „Das ist noch nicht so viel, aber mehr als die null Euro, die es vorher waren.“

Wir lieben es rau

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Der Journalist und Dokumentarfilm-Produzent Stephan Lamby berichtete über die von seiner Firma ECO Media ins Leben gerufene Internet-Videoplattform dbate.de, die alternative Darstellungsformen zu den klassischen TV-Produktionen bietet. „Im TV sind wir von Formaten abhängig, online ist das nicht der Fall“, erklärte Lamby. Somit stelle man zum Beispiel längere Versionen von Interviews, die in Fernsehproduktionen nur in Ausschnitten zu sehen seien, auf dbate.de zur Verfügung. Auch sogenannte Videotagebücher, in denen unter anderem Skype-Interviews und Smartphone-Filmaufnahmen verwendet werden, gehören zum Web-Programm. Die thematische Palette reicht von den Auswirkungen des Tsunami in Japan über den Ukraine-Konflikt bis hin zur Begleitung von Krebskranken während der Therapie. „Hinter jedem dieser Vorgänge steckt ein klassisches journalistisches Verständnis“, betonte Lamby, „das kann uns kein Algorithmus liefern.“ Die Plattform finanziere sich vor allem über Werbung und den Verkauf von Lizenzrechten an TV-Sender. Zudem sei man darum bemüht, das Netzwerk ständig zu erweitern. Zu diesem Zweck habe man unlängst auch Interview-Material mit Helmut Kohl aus dem Jahr 2003 zur Verfügung gestellt. Andere Medien hätten dies kostenfrei nutzen dürfen, allerdings mit einer Verlinkung auf dbate.de. Dort waren insgesamt sechs Stunden aus dem Gespräch mit dem Altbundeskanzler zu sehen – was zu überraschenden Resultaten geführt habe, wie Lamby berichtete. „Wir haben festgestellt, dass sich einige Nutzer wirklich sechs Stunden lang Kohl angeschaut haben.“ Die Tatsache, dass auch eine Dokumentation über Cannabis-Konsum gute Resonanz bei dbate.de gefunden hatte, kommentierte der Geschäftsführer in einem launigen Schlusswort: „Kiffen und Kohl – das kommt an.“

 

10 Dinge, die Du schon immer über BuzzFeed wissen wolltest, aber nicht zu fragen wagst

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Seit dem vergangenen Herbst ist BuzzFeed auch in Deutschland ansässig. Juliane Leopold, die Gründungs-Chefredakteurin des deutschen Ablegers des US-Unternehmens, erläuterte beim Medienforum das Konzept. Dabei stellte sie sich gegen die oftmals geäußerte Ansicht, dass bei BuzzFeed nur reine Unterhaltungsthemen Platz fänden. Die Themenauswahl des Internet-Angebots orientiere sich zwar sehr stark am Nutzerverhalten in sozialen Netzwerken, dies schließe aber auch ernsthafte Stücke nicht aus. Als Gegenbeispiel nannten sie unter anderem eine längere Reportage zum Thema häusliche Gewalt. „Wenn wir nur Katzenvideos machen würden, wären wir nicht so erfolgreich“, betonte Leopold. BuzzFeed, das mittlerweile an zwölf Standorten weltweit ansässig ist, 900 Mitarbeiter beschäftigt und sich in erster Linie über Native Advertising finanziert, erreiche im Monat mehr als 175 Millionen Unique User. In den vergangenen Jahren seien unter anderem ein Nachrichten-Segment „BuzzFeed News“ und ein Bereich mit Verbraucher-Informationen, „BuzzInfo“, eingerichtet worden. Die Findung des letztgenannten Themas zeige auch auf, wie datengetrieben bei BuzzFeed gearbeitet werde. „Wir haben herausgefunden, dass viele unsere Nutzer auf Verbraucherthemen klicken und darauf reagiert“, berichtete Leopold, die die inhaltliche Ausrichtung ihres Unternehmens klar umriss: „Wir versuchen, Geschichten zu kreieren, die die Menschen emotional berühren.“

 

Leidenschaftliche Recherchen für die Gesellschaft

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Seit dem vergangenen Jahr gibt es das erste gemeinnützige Recherche-Büro in Deutschland: Correct!v mit 14 Vollzeit-Mitarbeitern an Standorten in Essen und Berlin knüpft damit an ein Konzept an, das in den USA mit Projekten wie ProPublica bereits etabliert ist. Dr. Christian Humborg, kaufmännischer Geschäftsführer, stellte Correct!v in seinem Showcase vor. „Wir machen uns Sorgen um die vierte Gewalt, um den unabhängigen Journalismus“, erläuterte er den Anlass für die Gründung. Viele arrivierte Medienunternehmen seien in der wirtschaftliche Krise, während andere mitunter nur Erfolg hätten, weil sie sich vom Prinzip der strikten Trennung von journalistischen Inhalten und Werbung verabschiedeten. Correct!v will unabhängig von den klassischen Finanzierungsformen arbeiten. Wie Humborg berichtete, finanziert sich das Projekt mit einem Jahresbudget von gut 1,5 Mio. Euro vor allem aus Stiftungsgeldern, darunter eine Initialförderung der Essener Brost-Stiftung. Zudem solle eine Community aufgebaut werden, kündigte Humborg an: Über eine Crowfunding-Kampagne wolle das unabhängige Journalistenbüro 5000 Unterstützer für sich gewinnen. Die Ergebnisse der journalistischen Arbeit von Correct!v, die auch ungewöhnliche Projekte wie die Comic-Reportage „Weiße Wölfe“ über die neonazistische Terrorszene hervorbringt, stehen anderen Medien frei zur Verfügung. Mit thematisch ausgerichteten Datenbanken wolle das gemeinnützige Projekt die Recherche-Arbeiten anderer Journalisten unterstützen, erklärte Humborg. „Lokale Medien können diese Daten aufgreifen und Missstände vor Ort aufdecken.“

The Mobile Revolution

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Zum Abschluss des Showcase-Segments trat Jonas Vig, der CEO und Mitgründer von Bambuser, in Köln auf. Das Unternehmen aus Stockholm, das nach eigenen Angaben Nutzer in 180 Ländern hat, spezialisiert sich auf das Live-Streaming von Smartphone-Videos im Internet. Diese sollen über die neue Plattform Iris zunehmend auch im journalistischen Kontext genutzt werden. „Es gibt in fünf Jahren voraussichtlich mehr als fünf Milliarden potenzielle Reporter dort draußen“, sagte Vig mit Blick auf die weltweite Smartphone-Verbreitung. Diese könnten mit Hilfe von Bambuser selbst als Content-Produzenten eingebunden werden. Als ein Beispiel nannte er das Video eines Smartphone-Nutzers von Unruhen in Ägypten, das via Bambuser über die Agentur Associated Press, die an dem schwedischen Unternehmen beteiligt ist, millionenfach verbreitet worden sei. Die Plattform Iris, die in ihrer derzeitigen Einführungsphase unter anderem von Sendern wie MTV3 in Finnland und der Deutschen Welle genutzt wird, soll nun die Verarbeitung von solchem Content in Echtzeit ermöglichen. Der Smartphone-User kann das Gefilmte direkt an ein Content Management System übertragen, von wo aus es auch für einen Live-Broadcast freigeschaltet werden kann. „Ich denke nicht, dass wir hiermit das Ende des professionellen Journalismus erleben“, befand Vig. Die Einbindung von Zuschauer und Nutzern in dieser Form könne die Medienlandschaft aber reichhaltiger und vielfältiger machen.

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