The More Local, The More Global? Neue Chancen für die deutsche TV-Serie

08. 06. 2016
Nachbericht

So erfreulich Erfolge wie „Deutschland 83“ sein mögen – sie sind noch kein Indiz dafür, dass deutsche Fernsehserien in Zukunft in größerem Stil nachhaltig Erfolg im internationalen Markt finden. Gleichzeitig eröffnen neue Plattformen wie Netflix oder Amazon aber zusätzliche und neue Perspektiven für die einheimischen Produktionen. Dies waren zwei der Hauptaussagen einer Diskussionsrunde zum Thema „Neue Chancen für die deutsche TV-Serie?“, die auf dem Medienforum NW 2016 am 08. Juni in Köln stattfand.

Estelle Chandeze vom Marktforschungs-Institut Eurodata TV Worldwide hatte das Panel mit einem Überblick zu aktuellen Trends im Bereich der Fernseh-Serienproduktion in aller Welt eingeleitet. Sie zeigte auf, dass zu den Top 5 der Export-Nationen neben den USA und Großbritannien auch Frankreich und die Türkei zählen. Mittlerweile verabschiede sich auch das internationale Publikum zunehmend von Klischeevorstellungen, die bis dato die oft die Wahrnehmung von Serien-Inhalten aus bestimmten Ländern prägten. Formate wie „Morgen hör‘ ich auf“ (ZDF) oder „Deutschland 83“ (RTL) hätten überzeugend gezeigt, dass aus Deutschland nicht nur klassische Krimiformate zu erwarten seien. Ähnliches gelte für Skandinavien, das bei weitem nicht nur Serien im sogenannten „Nordic Noir“-Stil hervorbringe.

Einer der Verantwortlichen für „Deutschland 83“, Produzent Jörg Winger, UFA Fiction, hinterfragte in der sich anschließenden Podiumsdiskussion den Fokus der Diskussion auf Einschaltquoten von Serien wie „Deutschland 83“, die hierzulande nur mäßig ausgefallen waren. „Wenn wir in London oder Paris unterwegs sind, erleben wir eine ganz andere Form der Wahrnehmung“, berichtete er. Aus dem internationalen Erfolg der Serie ergäben sich aber auch Möglichkeiten für eine Fortsetzung. „Wenn es eine zweite Staffel geben sollte, wird die Finanzierung zu einem erheblichen Teil aus den internationalen Märkten generiert werden“, berichtete Winger.

Marcus Ammon, Senior Vice President Film & Entertainment bei Sky Deutschland, warnte allerdings vor zu hohen Erwartungen. „Wenn ich mir die Sky-Familie anschaue, ist zum Beispiel in Großbritannien der Bedarf an ausländischen Programmen nicht sonderlich hoch“, erläuterte er. Die RTL-Serie „Deutschland 83“, die unter anderem erfolgreich in den USA und in Großbritannien ausgestrahlt worden war, sei ein „wunderbares Beispiel“ dafür, dass dieser Export dennoch gelingen könne. Er rechne aber nicht damit, dass daraus ein langfristiger und nachhaltiger Trend hin zu deutschen Serien im Ausland entstehen werde.

Annette Reeker, Gründerin und Geschäftsführerin der Münchner Produktionsfirma all-in-productions, berichtete von ihrem anders gelagerten Ansatz: Mit „Cape Town“ hat sie eine internationale Serie mit Dreh- und Handlungsort in Südafrika produziert – nicht ohne Startschwierigkeiten. „Niemand hatte auf uns und dieses Projekt gewartet“, berichtete sie. Letztlich konnte sie für die Serie, die in Deutschland im Juli beim Pay-TV-Sender 13th Street ausgestrahlt wird, private Kapitalgeber gewinnen.

Moritz von Kruedener, Managing Director von Beta Film, sieht aber auch die Perspektiven innerhalb Deutschlands verbessert. „Durch die neuen Plattformen wie Amazon und Netflix verschwimmen die territorialen und auch die sprachlichen Grenzen.“ Die deutsche Serie sei international „auf einem guten Weg“. Es werde immer realistischer, auch größere Budgets aus dem heimischen Markt heraus zu finanzieren. Auch Marcus Ammon bekräftigte, dass Sky weiterhin deutsche Serien-Eigenproduktionen anstrebe. Beteiligt ist der Pay-TV-Sender bereits an der von Tom Tykwer inszenierten Serie „Babylon Berlin“, einem gemeinsamen Projekt mit dem WDR, dem Weltvertrieb Beta Film und der Produktionsfirma X-Filme.

„Wir haben festgestellt, dass die Unterschiede in der Herangehensweise gar nicht so groß sind“, sagte Prof. Gebhard Henke, Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie beim WDR, über die Zusammenarbeit zwischen öffentlich-rechtlichem Fernsehen und Pay-TV. Henke bezog sich im Weiteren auf das den Diskussions-Titel „The more local, the more global?“. Er halte diese These für nicht zutreffend: „Dann müssten wir ja mit einem Format wie der ,Lindenstraße‘ einen riesigen internationalen Verkaufserfolg haben, was aber nicht der Fall ist.“

Auch Dan Maag, Gründer und Vorstand von Pantaleon Entertainment, hat bei der Serie „Wanted“, die seine Firma mit Warner Bros. für Amazon produziert, zunächst die nationale Auswertung im Blick. „Wir sind erst einmal alle glücklich, wenn die Serie im deutschsprachigen Raum funktioniert“, erklärte er. „Wanted“ setze auf einen prominenten Cast mit Schauspielern wie Matthias Schweighöfer, der auch Regie führt, Alexandra Maria Lara und Karoline Herfurth. Dies solle aber kein Modell für alle zukünftigen Projekte sein. „Wir müssen langfristig auch den Mut entwickeln, radikalere Formate mit unbekannteren Namen zu produzieren“, erklärte Maag.


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